zurück zur NEUEN VERSION


internet von und mit
luisa francia

thema

artikel

links
reise
gedichte
das elektronische magazin
von luisa francia

DER TAG

AN DEM MEIN

AUTO FORTGING

An einem Frühlingstag im März vor sieben Jahren bemerkte ich, daß die Liebe zu meinem alten Benz schal geworden war. Unsere gemeinsame Fahrleidenschaft war nicht mehr so heftig wie vordem, er stotterte und produzierte eine Fehlzündung nach der anderen und ich fand all die Eigenschaften, die ich an ihm einmal so geliebt hatte, mehr und mehr unerträglich : groß, geräumig, viele PS, schnell. Für Mercedes, Aszendent Benz, Geburtsjahr 1982 standen die Sterne einfach nicht mehr günstig. Die Ozonbelastung wuchs ins Obszöne, er brauchte enorme Mengen Brennstoff, um fit zu sein und die Parkplätze für solche Schlitten konnte man mit der Lupe suchen. Ich bekam Rückenschmerzen, wenn ich in den weichen Sitz sank, da half auch der Holzperlenüberwurf für Fakire nichts. Mein Gasfuß - man beachte die Unterordnung des Körpers unter die Technologie - schmerzte schon, wenn ich das Gas nur antippte, irgendwie wollte sich der Ischiasnerv mit diesem Pedal nicht mehr befreunden. Die Schultern klammerten sich nach einigen Stunden Autofahrt an die Schlüsselbeine. Manchmal stieg ich aus der Karre und wäre am liebsten auf allen Vieren fortgekrochen. Ich entwickelte sogar Verständnis für eine alte Dame, die schamlos zugab, im Auto auf Reisen auf den Topf zu gehen, weil ihr das Ein- und Aussteigen soviel Mühe machte.

Wenn wir uns jemals trennen sollten, versprach ich meinem Benz, dann kommst du auf den schönsten Schrottplatz der Welt mit Blick auf die bayerischen Alpen. Gesagt, getan. Aber nun stand ich plötzlich dem Fortschritt im Weg, im wahrsten Sinn des Wortes. Ich verbrachte die meiste Zeit an irgendwelchen Haltestellen stehend, auf Busse und Bahnen wartend und begriff, daß der öffentliche Verkehr und seine Querverbindungen von nowhere nach nirgendwo zu den letzten Abenteuern der Menschheit gehören. Meine Freunde waren auch keine große Hilfe. "Bist du denn total verrückt? Was soll denn das bringen, wenn du allein auf das Auto verzichtest? Willst du dich für die hehre Bewegung der Ökologie opfern?" das waren noch die freundlichsten Nachfragen. Etwas aggressiver kamen Erklärungen wie:"Ich brauche mein Auto! Wie soll ich aus meinem Kaff ohne Auto wegkommen? Das Auto gibt mir die totale Freiheit, Mobilität, meine eigene Musik."

Ein Porsche, der mich einmal, als ich den Bus verpasst hatte (Busfahrer scheinen einem besonders gern wegzufahren, wenn man ein paarmal gegen die geschlossene Tür gehämmert hat), zu meiner grössten Verwunderung mitgenommen hatte, setzte mich wieder an die Luft, als ich zugab, mein Auto aus ökologischen Gründen aufgegeben zu haben. Vergebens stotterte ich herum, daß ich von niemandem verlange, das Auto aufzugeben, daß ich halt meins aufgegeben habe, weil ichs nicht wirklich brauche und eigentlich immer besser ohne auskomme. Dass wir ohne Luft nicht leben können, diese aber immer mehr verpesten in einer Art Kollektivhypnose, einem gemeinsamen grossen Selbstmordversuch. Dass Haut- und Atemwegserkrankungen bedrohlich zunehmen und viele Säuglinge schon mit diesen geboren werden. Einmal fuhr ich mit Freunden über eine Autobahnbrücke, unter uns der winterliche, allwöchentliche Skifahrerstau. Ein heftiger Wortwechsel machte mir plötzlich klar: das Auto ist die heilige Kuh. Die ultimative Religion. Pfeile an Autobahnen zeigen in den Himmel. Die alten Kultfarben blau, weiß, rot schmücken Tankstellen. Mythische Tiere und Symbole wie Muscheln, Drachen und Göttinnengesichter locken die Tankwilligen. Blutopfer werden in rauhen Mengen dargebracht, begleitet von weißen Priestern und roten Kreuzen. Und dass die Ölkonzerne auch die Saatgutkontrolle übernommen haben, passt irgendwie auch ins mythische Konzept.

Ich wurde hellhörig auf Formulierungen wie: Haschisch ist eine Einstiegsdroge und es gibt jedes Jahr mehr Drogentote. In meinem Kopf wurde das zu: Vespas kleine Motorräder sind die Einstiegsdrogen und ab Volljährigkeit gibts das Auto und noch mehr Verkehrstote, ganz zu schweigen von den Verletzten. Aber mit den Verkehrstoten ist das so eine Sache. Man kann nicht zuviele Alkoholkontrollen machen, das verärgert die alkoholproduzierende Industrie und bringt Steuereinbussen, die sich kein Staat leisten kann. Die Autoindustrie schafft Arbeitsplätze, viele, tatsächlich. Unzählige Zulieferfirmen leben auch davon. Dass es dagegen im öffentlichen Verkehr kaum neue Arbeitsplätze geben wird, versteht, wer ständig auf diesen angewiesen ist. Es gibt kaum noch Schalter, wo jemand ohne Kleingeld Fahrscheine für öffentliche Verkehrsmittel kaufen kann und vielleicht die eine oder andere Auskunft bekommt. Die Schlangen an den Fahrkartenschaltern der Bahn treiben einem die Schweissperlen auf die Stirn und die einzige Belohnung ist schliesslich, daß man in der Bahn lesen, träumen und neue Projekte entwerfen kann, während die Autofahrer im Stossverkehr so mobil sind, dass es kaum zu glauben ist, vor sich hinfluchen, mit obszönen Gesten und Beschimpfungen ihren Mitreisenden viel Freude bereiten und manchmal ihr Auto sogar als Waffe einsetzen, um den Fussgängern korrektes Überqueren der Fahrbahn bei Grün beizubringen. Besonders delikat ist das Verhältn Der Tag, an dem ich mit Hilfe des Schrottplatzbesitzers meinen alten Benz zur letzten Ruhe schob hatte auf die Entwicklung der Luftverpestung und die Fahrgewohnheiten meiner Umgebung keinen Einfluß. Ich wurde kurz darauf von einem Auto angefahren und schwer verletzt und die Zahl der angemeldeten Fahrzeuge steigt jährlich. Aber ich habe die Langsamkeit wieder entdeckt, die Heiterkeit beim Anblick ausflippender Stop-and-Go-Opfer. Niemand fragt mich, ob ich mal schnell etwas bringen, jemand abholen, dort vorbeifahren, jemanden mitnehmen kann. Ich kann, aber alles dauert jetzt so lang wie in der Realzeit: gehen, auf Anschlüsse warten, umsteigen, oder in die Pedale treten. Das entmutigt andere. Das befreit mich. Und all das hindert mich nicht, gelegentlich einen Leihwagen zu nehmen, mit voll aufgedröhnter Musik in der Stereoanlage, vielleicht von Tom Waits, über die Autobahn zu rasen und mich in Autowerkstätten herumzutreiben. Man muß das nicht so eng sehen!

____ nach oben ____


mondo cane n.1 | dezember 1999 | herausgeberin: luisa francia

HOME | KONTAKT | MONDO CANE | TAGEBUCH | LUFRANCIA