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von luisa francia

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choreographie der täuschung

ich sah die besten meiner generation
im hausstaub ersticken
sich auflösen zwischen dreckigen socken
und festgebackenen essensresten
auf dem hochzeitsgeschirr
zwölf teller, zwölf tassen.
ich sah meine freundinnen
fassungslos einen betrug nach dem anderen
aufdecken, heulen, fluchen
wer hat mir meine kindheit gestohlen
wer stopfte mich in dieses korsett von
zweifel, verzweiflung!
ich sah rote wangen, die zu
schwarzen ringen unter den augen wurden
gelöstes gelächter von freundinnen
mutierte im familiären säurebad
zu nie gekanntem schrecken.
abends kommt der mann und fordert
totale versorgung
die seine mutter so willig gegeben.

ich sah wohnzimmergarnituren
schlafzimmergarnituren
schuldenberge, unter denen
schultern sich beugen
rücken sich krümmen
nicht eingelöste versprechen
wurden durch vierzehn tage
urlaub ersetzt.
ich sah die schönsten frauen
auf supermarktkarren gestützt
in der ecke verschnaufen
sah hausfrauen im eiscafé
die verbotene zigarette rauchen
ich hörte sie weinend die männer
verfluchen
und sah sie hilflos zurücktreiben
in die unterwerfung
von meister proper und dem
general.

ich sah frauen, die übergangslos
von ihren eltern, und dem was sich schickt
zu ihren ehemännern und dem,
was sich nicht schickt,
wechselten.
sexy und mütterlich, zärtlich und geil,
ganz nach wunsch.

ich sah sie stunden am telefon
und vor dem spiegel
antworten konstruieren,
um keine fragen stellen zu müssen.
ich hörte die lügen, die sie woben,
um ihre männer nicht
zu blamieren.
ich sah schwache frauen ihre männer
verteidigen,
sie noch vor der eigenen
berechtigten wut
liebevoll schützen.

ich sah sie mit geschlossenen augen
mühsam die bilder im kopf belebend
hastig zwischen die schenkel greifen
ich hörte sie stöhnen:
wo ist denn der
zärtliche mann
der verliebte, der
phantastische liebhaber,
wo ist denn der,
der mich wahrnimmt,
wenigstens.

ich sah meine klugen schwestern
unruhig ihre visionen entwerfen
und ängstlich sie
verteidigen, verwerfen,
vergessen.
ich hörte sie munter rufen
es könnte schlimmer sein!

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mondo cane n.1 | dezember 1999 | herausgeberin: luisa francia

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