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von luisa francia
lu in timbuktu
TIMBUKTU

Ob das so eine gute Idee war, das Flugzeug wieder fliegen zu lassen?
Erst in fünf Tagen kommt das nächste.
Fünf Tage in diesem Backofen!

Selbst eine magische Initiation dauert nur drei Tage.

Mit mir zusammen kamen in diesem klapprigen russischen Propellerflugzeug ein älteres amerikanisches Paar und ein Japaner,
alle drei Malariaforscher,
ein jüngeres amerikanisches Paar am Rande des Nervenzusammenbruchs
und ein Schweizer Artdirektor aus Zürich, der sich per Buschtaxi bis zur Küste nach Cotonou in Benin durchschlagen will.

Als wir gegen Mittag auf der Sandbahn von Timbuktu aussteigen hat es 48 Grad im Schatten –
aber wo ist Schatten?

Es lohne sich durchaus, in Timbuktu eine Nacht zu bleiben, meinte der GEO-Reporter Andreas Altmann.
Eine Nacht?

Als ich mich morgens durch den Sand zum Restaurant du Nord kämpfe, einen kleinen "Guide" namens Ali Baba und seine vierzig Räuber im Schlepptau, muß ich verblüfft feststellen, daß alle Fremden abgereist sind.
Ali Baba wußte das schon vor mir.
Er hat mich fest im Griff.
Du mußt mit mir eine Tour machen,
du mußt Tuaregkunst kaufen,
du mußt,
du mußt... .
Die anderen nicken ernst.
Ich muß ausbaden, was die anderen Fremden mir mit ihrer Abreise eingebrockt haben.
Sie haben die Bibliothek nicht besichtigt, also muß ich das jetzt tun. Sie sind nicht in die Moscheen gegangen – meine Pflicht.

Madou vom Restaurant du Nord stellt die Stühle vom Tisch, wischt die Tischplatte und bringt mir einen Milchkaffee.
Über mir hängt ein wunderschön gemaltes Bild, eine Hand, die eine Blüte hält,
und die Schrift: N´ecoutez pas Les Mauvaises Langues!

Was werden die schlechten Sprachen sein?
Deutsch bestimmt.
Englisch?
Kein Problem, niemand spricht etwas anderes als Französisch, Bambara, Tifanagh, Tamaschek (die Tuaregsprachen) oder Peul.

Sie schauen mir zu, wie ich den Kaffee trinke.
Il faut... il faut...
Plötzlich platzt mir der Kragen.
Ich bin doch nicht eure Kuh, die ihr melken könnt!
Die Jungs sind bestürzt über den plötzlichen Ausbruch.
Ich muß lachen.
La vache qui rit! sagt Ali Baba trocken.


Timbuktu, die verbotene, die mystische Stadt, war im letzten Jahrhundert ein Abenteuerspielplatz für Europäer, die unbedingt in die muslimische Enklave eindringen wollten. Nur Gläubige durften die Stadt betreten, die drei bedeutende Moscheen aus dem 15. und 16. Jahrhundert beherbergt und mit einer eigenen Universität das Zentrum islamischer Studien wurde.
Der Franzose René Caillié machte sich 1824 auf den Weg nach Timbuktu und überlebte seine Reise, um davon aufregende Geschichten zu erzählen, was vor ihm dem Schotten Gordon Laing nicht gelungen war, er wurde getötet.
1835 schaffte es Heinrich Barth bis Timbuktu und wieder zurück.
Die drei Lehmhäuser, in denen die Forscher lebten, sind heute mit einer Plakette gekennzeichnet und touristische Anlaufstellen.

Ich schleppe mich zum Museum, hinter mir Ali Baba und die vierzig Räuber.

Ahmed, der Museumswächter schließt extra für mich auf – ich kann aufatmen, es ist zwar muffig, aber kühl hier.
Ein merkwürdiges Sammelsurium liegt auf diversen Regalen und in Vitrinen herum.
Ein paar Repliken von griechischen und römischen Köpfen, Göttinnen aus Anatolien und Spanien, viele Scherben aus der Wüste um Araouane und Timbuktu, Pfeilspitzen, vergilbte Fotos an der Wand, ein Steinmörser, und als Krönung ein Tisch mit Souvenirs – made in Taiwan.

Immerhin weiß Ahmed zu berichten, daß Timbuktu von einer Frau gegründet wurde, die Tin Bintu hieß und eine Stammesmutter der Tuareg ist.

Ich greife nach einem Stein auf dem Souvenirtisch.
Der ist ganz alt, sagt Ahmed. Alle Steine sind ganz alt, sage ich,
kaufe ihn aber trotzdem.

Jetzt mußt du zum Polizeichef gehen, sagt Ali Baba.
Und da hat er ausnahmsweise recht. Man muß sich auf der Polizeistation melden und 1000 CFA bezahlen.

Der Polizeichef spielt gerade mit ein paar Freunden Karten.
Ich wedle mit meinem Paß.
Er winkt mir, in sein Dienstzimmer zu kommen.

Sind Sie Spionin? fragt er mich.
Ich habe mir angewöhnt, solche Fragen nicht zu beantworten, weil sich daraus immer Mißverständnisse ergeben.

Ich sage:
Da Sie der wichtigste Mann in Timbuktu sind, möchte ich gern ein Foto von Ihnen machen.
Das leuchtet ihm sofort ein. Er wirft sich in Schale: schwarzer Boubou, Sombrero. Dann stellt er sich breitbeinig hin.
Ich fotografiere.
Er knallt mir drei Stempel in den Paß und kassiert das Geld.
Es dauert gut eine Stunde, bis jemand Wechselgeld für 5000 CFA bringt.
Jetzt habe ich für die nächsten Tage einen Verbündeten.

Ali Baba macht mich mit Ibnu und Rashid bekannt, zwei Tuaregs, die in einem der Lager außerhalb von Timbuktu leben.
Ich weiß, daß all das zum Programm der Touristen gehört.
Es gilt als unvermeidliche touristischste Einlage, zu den Tuareglagern zu gehen und einen Kamelritt in die Wüste zu unternehmen. Da aber gerade auch ein Markt dort stattfindet, folge ich ihrer Einladung.
Die Hitze ist mörderisch.
Ich stelle mir vor, daß ich gewürzt werde und gut rieche, wenn ich dann gar bin.

In einer elenden Lehmhütte verkauft einer Getränke.
Er will dreitausend CFA für das Wasser (etwa 8 Franken).
Ich diskutiere mit ihm.
Er sagt cool: Wenns dir zu teuer ist, dann trink halt nichts.
Ich nehme eine Flasche, öffne sie und trinke.
Ich gebe ihm 500 CFA, das ist der Preis, der überall sonst für eine Flasche Wasser gefordert wird, und sage:
wenns dir zu wenig ist, dann kotze ich es halt wieder.

Er lacht und schiebt die fünfhundert ein.

Wir gehen im Gänsemarsch an der Mauer entlang hinaus zu den Berberzelten und weiter zu den Tuareglagern.
Es riecht nach Verwesung.
Einmal streift mein Blick Knochen, viele Knochen, die hinter einem Sandberg liegen, erstaunlich große Knochen.
Hier wurden 1992 Tausende von aufständischen Tuaregs umgebracht.

Als ich Fotos machen will, erscheint plötzlich aus dem Nichts ein Soldat mit einem walkie-talkie.
Ich winke ihm freundlich und gehe weiter.
Ganz wohl ist mir nicht dabei, aber er folgt uns nicht.

Der Markt findet zwischen den Rundzelten der Tuareg statt.
Ziegen, Lederarbeiten, Beutel, Seife, Salz gibt es zu kaufen.
Ich kaufe von den schönsten Männeraugen, die ich je gesehen habe, eine kleine alte Tonschale und eine steinzeitliche Klinge.
Kein Lächeln. Wir handeln nicht.

Das Ca va? Ca va bien! Ca va encore! Et la famille?-Begrüßungsritual mit der Familie von Ibnu dauert ungefähr eine Stunde,
dann macht Ibnu Tee während ich mit Rashid über Gefängnisse, Soldaten und Polizei diskutiere und wir uns einig sind, daß in Gefängnissen oft die ganz Falschen sitzen.

Der erste Aufguß des sehr starken Pfefferminztees ist "
bitter wie der Tod" sagt Ibnu,
ich denke an die Knochen,

der zweite Aufguß ist "
süß wie das Leben" und
wie süß mag das hier sein, am Bodensatz der menschlichen Gesellschaft?

Der dritte Aufguß
(man muß immer drei Gläser trinken, alles andere würde die Gastgeber verstören) ist
leicht wie die Liebe,
hm,
in welcher Zeit oder Gesellschaftsform wurden diese drei Bilder wohl entworfen?

Wir trinken auf die Liebe und Ibnu fragt mich, ob ich Medikamente habe, seine Familie sei krank.
Ich verspreche, morgen mit meiner medizinischen Ausrüstung vorbeizuschauen.

Wir liegen auf diesen wunderschönen Teppichen und schauen an die Decke, wo die Kostbarkeiten der Familie an den gebogenen Zeltstäben hängen:
ein Ziegenschlauch für Wasser,
einer für Hirse, ein kleiner Grigri,
eine Plastiktüte mit allerhand Werkzeugen,
ein Chech, also eins dieser blauen Tücher, das die Tuareg zum Schutz gegen die Sonne tragen.

Kinder spielen um uns herum, die Frauen sitzen am Zelteingang und lachen und reden.
Die Sonne geht unter.
Ibnu begleitet mich bis zur Stadtgrenze.

Zwei französische Ingenieure sind angekommen, die den Ausbau der Flugpiste überwachen wollen.
Timbuktu soll einen internationalen Flughafen bekommen, sodaß Touristen direkt aus Paris hierherfliegen können, erklärt Pierre beim Abendessen.
Mein Grinsen wehrt er sofort ab.
Ich weiß, daß es jetzt nur eine Sandbahn gibt, sagt er lahm, aber das wird sich ändern.
Wann weiß ich nicht, denn auch die beiden sind am nächsten Tag wie vom Erdboden verschluckt.
Abgereist!

Wir brauchen keinen internationalen Flughafen, sagt Mohammed, der mich, die einzige Besucherin des wunderschönen Hotel Azalai mit Brotfladen, Ameisenmarmelade und heißem Tee versorgt,
was wir brauchen ist eine Straße, die auch in der Regenzeit befahrbar ist und eine Brücke über den Niger.

Timbuktu ist das halbe Jahr von der Außenwelt praktisch abgeschnitten. Der Transport der Lebensmittel mit Flugzeugen ist sehr teuer.

Gegen vier Uhr nachmittags, als Wind aufkommt und die Sonne nicht mehr so brennt, mache ich mich wieder auf den Weg zu Ibnu, aus der Stadt hinaus, die Mauer entlang, wo unter Büschen die Kamele liegen, die jetzt nicht gebraucht werden,
vorbei am Knochenplatz,
vorbei an dem tiefen Brunnen, der wie ein Bombentrichter vor der Stadt liegt, vorbei an den singenden, Hirse stampfenden Berberfrauen,
vorbei an den nackten Kindern, die in der Sonne mit einem Plastiksack voll Sand fußballspielen.
Vorbei an ein paar Hunden, die alle Viere von sich gestreckt wie tot daliegen.

Als ich bei Ibnu meine homöopathische Apotheke ausbreite, schickt er alle Familienmitglieder aus dem Zelt hinaus,
dann entblößt er seinen Unterleib,
Hilfe,
wohin schauen!

Rechts und links von seinem Allerheiligsten, in den Leistenbeugen hat er sich tiefe Wunden gelaufen.
Er deutet auf die Bach-Notfallsalbe und dann auf seine Schwären.
Ich bedeute ihm mit der Autorität einer Krankenschwester, sein Geschlecht zu bedecken und trage die Salbe auf.
Sein genüßlicher Kinderblick!

Als er verarztet ist, ruft er die anderen.
Seine hohlwangige junge Frau Tin Ag Alaia braucht Augentropfen,
die Großmutter bekommt Belladonna-Kügelchen für ihre Kopfschmerzen,
der halbwüchsige Junge wird mit Pflastern beklebt, die Wunden vorher desinfiziert. 

Das Baby macht der Familie Sorgen.
Es habe Bauchschmerzen und esse nichts.
Vermutlich reicht es, wenn wir ihm die alte deutsche Batterie wegnehmen, an dem es mit grünen Lippen schon die ganze Zeit lutscht.
Ich erkläre, daß die giftig ist.
Dann wasche ich ihm den Mund aus und gebe ihm Arnika-Kügelchen –
kann nichts schaden.

Ein Teeritual, dann Siesta.
Ich schlafe eine Runde und wache vom Geruch des Hammelcouscous auf.
Wir essen mit Fingern.

Der Vollmond ist aufgegangen, die Frauen schlagen kleine Tamburine und singen.

Ibnu zieht sich mit einem Antimon-Stein und einem kleinen Metallstift seine schwarze Augenbemalung nach.

In der Ferne leuchten die Lichter von Timbuktu.
Der Fluß hat sich zurückgezogen, wie ein gestrandeter riesiger Dampfer liegt die Stadt im Sand.

Rashid begleitet mich bis zur Stadtgrenze, plötzlich geht überall das Licht aus.

Einen Augenblick lang stehen wir in der Dunkelheit des Wüstenhimmels, hoch über uns der Mond. 
Die Sterne funkeln wie die Löcher im Rundzeltdach von Ibnus Familie.

Kamele rülpsen, Esel jammern. Ein Hund bellt. Trommeln. Gesang und Lachen von Frauen.
Der Geruch von würzigen Feuern.
Die dschinns trommeln mit den Knochen der Toten auf der Haut der Lebenden.

Im Azalai ist alles von Kerzen erleuchtet, im Fernseher läuft ein Fußballspiel Bayern München gegen Marseille,
glaube ich.
Dafür haben sie den Generator angeworfen.
Niemand schaut zu. Höflichkeitshalber schaue ich mir das Spiel an.
Bayern München verliert.
Ich bin eh für 1860 München.


Timbuktu ist in Amerika ein Synonym für
"irgendwo ganz weit weg,
am Arsch der Welt"
erzählt mir am nächsten Tag Ann Wessling bei einem Bier,
ein resigniertes müdes Lächeln in den Mundwinkeln.

Seit drei Jahren arbeitet sie hier für Africare und unterstützt Projekte, die die Einheimischen selbst durchführen.
Manchmal kommt sie auf ein Bier ins Hotel, um sich in ihrer Sprache zu unterhalten.
Sie ist mit einem Fremdenführer liiert.
Die Leute, die hierherkommen, sagt sie. Sie tanken den Mythos Timbuktu und hauen wieder ab.
Manche kommen nur, um sich den Polizeistempel in den Paß geben zu lassen!

Ich erzähle ihr von dem Amerikaner, den ich mal im Zug getroffen habe, der ins norwegische Hell fuhr, nur um eine Postkarte zu schreiben.
Postcard from Hell! 
Sie lacht.

Mein blauer Chech gefällt ihr.
Ibnu hat ihn mir geschenkt, für die Medikamente, die ich ihm überlassen habe.

Es gibt hier viele Straßenkinder, sagt sie. Kinder, die verlassen wurden, deren Eltern getötet wurden, um die sich kein Mensch kümmert. Sie alle hoffen, vom Fremdenverkehr irgendwie leben zu können.

Wie hält sie es aus?
Ich habe zwei Katzen, sagt sie, und einen Internetanschluß – die Verbindung zur Welt.


Am letzten Tag klappt endlich der Besuch beim Marabout.
Ali Baba bringt mich hin.
In seinem Lehmhaus steht ein weißer Plastikstuhl, eine Tüte vom Duty-Free-Shop Paris hängt an der Wand.
Alte Holzbalken tragen das Dach.
Aus einem der großen Lehmtöpfe holt er seinen abgewetzten Koran hervor.
Selbst in der Dunkelheit seiner Hütte trägt er die Rayban-Sonnenbrille.
Er murmelt und betet
und dann sagt er, daß ich die beiden Grigris kaufen muß, die er aus seinem Boubou holt.
Sie bringen Glück, Liebe und Wohlstand.

Gibts hier nicht ein paar Leute, die das alles nötiger brauchen? frage ich.
Eine Handbewegung der schlanken braunen Hand mit den Silberringen bringt mich zum Schweigen.
Ich kaufe alles.

Und dann habe ich für einen kurzen Moment eine Vision, vielleicht eine Halluzination:
ich sehe die Geister, die die Menschen treiben, die auf ihnen sitzen und sie zu Wutanfällen, zu hektischer Aktivität peitschen, in die Apathie würgen .
Ich schüttle sie ab.

Ali Baba gibt mir seine Adresse. Schreib mir, sagt er.
Er kann nicht lesen.

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mondo cane n.1 | dezember 1999 | herausgeberin: luisa francia

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