DIE ENTKERNTE FRAU
Eine Würdigung der indischen Kämpferin Phoolan Devi
War sie eine Betrügerin? War sie eine femme fatale? War sie überhaupt real?
fragen die Medien, die der ehemaligen Banditin, der Parlamentarierin und
Kämpferin für die Rechte der Frauen in Indien kaum jemals Fragen stellen
wollten. Als ich Phoolan Devi kurz vor ihrer Entlassung im Gefängnis von
Gwalior besuchte und ein Gespräch mit ihr und einer Übersetzerin für einen
Artikel in der "Weltwoche"führte, war ich überrascht. Ich hatte mir eine
knallharte, eine mutige, eine freche Frau vorgestellt. Eine Frau, die sich
eine Maschinenpistole und Munition lässig umhängt und für die Männer des
Staates, die sie bewachten nur Verachtung übrig hat. Ich traf eine
schüchterne, kleine, zierliche vom Leben geschundene junge Frau, die leise
sprach, unsicher lächelte, die nichts heldenhaftes an sich hatte aber für
mich zur wirklichen Heldin wurde. Sie mystifizierte ihren Kampf nicht. Ich
hatte keine Wahl, sagte sie. Verkauft an einen alten Mann, misshandelt,
vergewaltigt, rannte sie zu ihren Eltern zurück und brachte ihnen Schande.
Sie konnten den Brautpreis nicht zurückzahlen. 1978 wurde sie verhaftet und
von 22 Männern des Dorfes, auch von den Polizisten, vergewaltigt. Ihr gelang
die Flucht. Dann begann der Mythos der Bandit Queen, der Banditenkönigin.
Jahre lang zog sie durch Uttar Pradesh, den nordindischen bitterarmen Staat,
beraubte mit einem Haufen Banditen Reiche und beschenkte Arme. Bereitwillig
halfen ihr die Gefährten, ihre Peiniger zu erschiessen. Aber auch Banditen
sind Männer. Mit dem Anführer erging es ihr nicht besser als mit all den
Männern vorher. Indien, das Land mit den wundervollen Göttinnen, hat den
lebendigen Frauen das Leben zur Hölle gemacht. Das Besondere an Phoolan ist
nicht, dass sie raubte und vielleicht mordete, sondern dass sie es nicht
normal fand, ausgebeutet, geschlagen, sexuell attackiert und gedemütigt zu
werden. Das ist so ungewöhnlich, dass man gleich eine Erklärung für dieses
wundersame Verhalten fand: sie ist die Reinkarnation der Göttin Durga.
Gelang ihr doch aus einem umstellten Hof mit einem kühnen Sprung die Flucht
über eine Mauer. Armee und Polizei schafften es trotz intensiver Jagd nicht,
Phoolan zu schnappen. Immerhin halfen ihr während ihrer Zeit im Untergrund
oft genug Frauen aus dem Dorf, wenn sie in Gefahr war, wie sie erzählte.
Sie ergab sich unter einem Bild der Göttin Durga - weil ihr und ihren
Banditenfreunden eine baldige Amnestie versprochen worden war.
Im Gefängnis wurde sie eine Zeitlang wie eine Heilige verehrt. Dann wurden
ihre Genossen entlassen. Sie kam nicht frei. Es wurde still um Phoolan Devi.
Kasmini Jaiswal, die Anwältin der Bhopal-Opfer setzte sich für Phoolan ein.
Trotz des Amnestieversprechens wurde Phoolan nur durch die Hilfe ihrer
Anwältin entlassen - und weil sie krebskrank war. Vorher hatte die
Gefängnisleitung sie in eine Klinik gebracht, wo ihr gegen ihren Willen die
Gebärmutter entfernt worden war. Phoolan war eine gebrochene Frau.
Französische und amerikanische Feministinnen besuchten Phoolan, die für eine
linke Partei kandidierte und tatsächlich ins Parlament kam. Sie schrieb mit
Hilfe einer Journalistin ihre Autobiographie. Unglücklich verheiratet mit
einem Immobilienmakler versuchte sie ihrer politischen Arbeit, ihrem Leben
einen Sinn zu geben und für die Rechte der Frauen einzutreten - von der
Presse weitgehend unbemerkt. Ihr Auftritt vor der Uno wurde kritisiert, sie
habe sich nicht besonders gut ausgedrückt. Sie hatte sich vollkommen
verständlich ausgedrückt: alle reden nur von den Rechten der Frauen, aber
niemand tut etwas. Sie begriff, dass Frauen der sogenannten dritten Welt für
die Politik eine Randgruppe sind, für die sich kaum einer der
karriereorientierten Politiker, aber auch kaum eine Politikerin einsetzen
mag, weil damit keine Lorbeeren zu holen sind.
Die Killer, die sie vor ihrem Haus in Dehli am 26. Juli 2001 erschossen,
entfachten ironischerweise den Mythos neu. Aus der Frau die sich wehrte, ist
endgültig der Mythos der Banditenkönigin, der reinkarnierten Göttin
geworden. Und als Göttin erfährt sie endlich die Verehrung, die ihr als
beherzte Frau verweigert wurde. |